Die neue Sehnsucht

Rauchen aufgeben, weniger Alkohol trinken oder weniger Fernsehen – wer denkt, die klassischen guten Vorsätze fürs neue Jahr seien seit Jahren gleich, ist auf dem Holzweg. Ganz oben auf der Liste der guten Vorsätze stehen heute Themen wie „Stress vermeiden/ abbauen“ oder „Mehr Zeit für Familie/ Freunde“. Nahezu zwei Drittel der im Rahmen der jährlichen DAK-Studie Befragten wünschen sich im Dauerfeuer der Anforderungen mehr Ruhe und Zeit.

Die Sehnsucht nach Entspannung ist nicht verwunderlich. Schließlich kosten der Arbeitsalltag und unser permanenter Drang zur Selbstoptimierung jeden Tag Kraft. Zusätzlich zu den Aufgaben, die uns am Arbeitsplatz erwarten, hetzen wir unseren eigenen Ansprüchen hinterher. Aber wie können wir jemals entspannen, wenn unsere Antreiber direkt in unserem Kopf wohnen? Das fängt beim morgendlichen Blick in den Spiegel an. Wer sich mit einem „Ach je, wie sehe ich denn wieder aus?“ begrüßt, weiß schon, wie der Tag läuft. Sich selbstbewusst zu sagen „Ich bin schön!“ gehört sich einfach nicht. „Eigenlob stinkt“, haben die meisten von uns schon in der Kindheit gelernt. Leider!

Was möchte ich überhaupt?

Die Hirnforschung belegt, dass unser Gehirn auf Basis der Ereignisse in unserem Leben Muster anlegt. Das bedeutet, dass wir zum Beispiel die Muster unserer Kindheit in uns tragen, auch wenn uns diese nicht immer bewusst sind. Diese Muster sind wichtig, haben sie uns doch von jeher gelehrt, in bestimmten Situationen zu überleben. Wir lernen daher, wie wir uns in unserer Familie, in der Schule, in unserem Freundeskreis verhalten müssen, um in diesen Situationen möglichst geschmeidig durchs Leben zu kommen. Glaubenssätze wie „Ich werde nur geliebt, wenn ich mich richtig anstrenge“, „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ oder „Nur die Harten komm’n in Garten“ treiben uns unbewusst zu Höchstleistungen an.

Die gute Nachricht ist: Wir können unsere Hirnstrukturen verändern – lebenslang. Der Trick ist dabei, den eigenen Glaubenssätzen auf die Spur zu kommen. Dazu brauchen wir – und hier schließt sich der Kreis – ein wenig Ruhe und Zeit. Abstand vom Tagestrubel und Konzentration auf uns selbst, um das eigene Ich wieder zu entdecken.

Viele Berufstätige fühlen sich fremdgesteuert, weil sie versuchen, allen Ansprüchen gerecht zu werden. Das eigene Ich ist unter dem Mitarbeiter- oder Chef-, Vater- oder Mutter-, Sohn- oder Tochter-, Kumpel- oder Trainer- Sein vergraben. Die Liste der Rollen ließe sich beliebig fortsetzen, doch die Kernfrage lautet: „Was möchte ich überhaupt?“

Nur wer seine eigenen Prioritäten und Ziele kennt, findet Wege, diese zu erreichen. Das kann bedeuten, auf dem Weg zum Ziel Ballast abwerfen zu müssen, was heißt, zu bestimmten Menschen auch mal „Nein“ zu sagen. Laut einer Umfrage des Focus vom September 2018 fällt das den Bundesbürgern umso schwerer, je emotionaler die Beziehung ist. Aus Sorge, die Harmonie könnte kippen, fällt es 49 % der Befragten besonders schwer, den eigenen Kindern einen Wunsch abzuschlagen, gefolgt von den Eltern (44 %), dem Partner (42 %), Freunden (38 %), dem Chef (37 %) und den Arbeitskollegen (31 %).

Das Buch der Erlaubnis: Aus Liebe zu mir, Renate Daimler, Kösel-Verlag

Ich darf "nein" sagen!

Einfühlsam „Nein„ zu sagen, erfordert kommunikatives Geschick. Die Seminare der kommunikatöre helfen, die eigenen kommunikativen Fähigkeiten zu schulen. Zahlreiche Tipps und Tricks gibt es auch auf dem Büchermarkt. Eine Empfehlung für Menschen, die ihrem eigenen Ich auf die Spur kommen möchten, ist „Das Buch der Erlaubnis“ von Renate Daimler, das dem Thema authentisches Ich unterhaltsam und gleichzeitig tiefgründig begegnet.